Chinas Arbeiter und Angestellte verdienen von Jahr zu Jahr mehr Geld – wenn man der Statistik glaubt. Allein 2008 stiegen die städtischen Löhne um 17,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, rechnete das Statistische Amt vor. Im Durchschnitt verdiente ein Städter 29 229 Yuan (rund 2923 Euro), also rund 250 Euro pro Monat – viel Geld angesichts der niedrigen Lebenshaltungskosten.
Und 2009 gehen die “offiziellen” Gehaltssteigerungen weiter. Trotz Wirtschaftskrise konnten Arbeiter und Angestellte im ersten Halbjahr ihren Lohn offiziell auf 14 638 Yuan steigern, 12,9 Prozent über dem ersten Halbjahr 2008. Real lag der Anstieg sogar noch höher, weil die Verbraucherpreise sanken.
Für Exporteure nach China klingen diese Zahlen wie Musik. Denn scheinbar nimmt die Massen-Kaufkraft in den Städten sprunghaft zu. Die Realität sieht allerdings anders aus. Die meisten Bürger stellten verblüfft fest, dass in ihren Lohntüten viel weniger steckt, als ihnen die Statistik weismacht und ihr Lohn viel langsamer steigt.
Der bekannte Blogger “Xiayucai” umschrieb am 29. Juli das Phänomen mit den drei Schriftzeichen “bei zengchang” (“wir wurden hochgesteigert”). Sein neuer Begriff macht als geflügeltes Wort die Runde und wird für immer mehr statistische Angaben verwendet, die den Chinesen “spanisch” vorkommen.
So erklären Millionen arbeitslose Uniabsolventen den Widerspruch zur Statistik, die sie zu 70 Prozent in Beschäftigung sieht, damit, dass sie “in Arbeit versetzt wurden”. Unternehmen, die schwarze Zahlen schreiben, in ihren Büchern aber nur rot sehen, dürfen sich trösten, weil sie statistisch gesehen “gewinngesteigert wurden.”
Das Statistische Amt gestand ein, dass seine Erhebungen zum Lohn nicht repräsentativ waren und kündigte an, künftig auch die Einkommen der Beschäftigten chinesischer Privatunternehmen einzurechnen. Diese 66,76 Millionen Menschen oder 54,75 Prozent aller städtischen Arbeiter blieben bei der Statistik bisher außen vor, schrieb die “China Economic News”. Sie veröffentlichte eine Lohnübersicht des Statistischen Amts über die privaten Firmen. Danach bekamen die Chinesen in der Privatwirtschaft 2008 im Durchschnitt nur 17 071 Yuan. Die 36 Millionen Industriearbeiter unter ihnen erhielten nur 16 443 Yuan Jahresgehalt.
Für die offizielle Gehaltszahl von 29 229 Yuan berechnen Pekings Statistiker nur die Löhne der Beschäftigten von Staatsunternehmen, Kollektivbetrieben, Aktiengesellschaften und Joint Ventures. Die 130 Millionen Wanderarbeiter bleiben außen vor. Die Statistiker berechnen auch nicht die Löhne sogenannter Bauernarbeiter, die in Vorstädten oder Dörfern arbeiten. Von 410 Millionen Lohnempfängern wurden statistisch bislang nur 110 Millionen registriert, schrieb die “National Business Daily”.
Auch weil die fragwürdigen Berechnungen ein falsches Licht auf die Massenkaufkraft werfen, macht die Öffentlichkeit Druck auf die Statistiker. Sie verlangt nach Überprüfbarkeit aller Zahlen. Anwälte fordern die Offenlegung der staatlichen Haushalte und verlangen Einblick in die Verwendung der Konjunkturmittel. Ein Blogger mit dem Namen “Göttlich verbundener Raum” schrieb in einem weitverbreiteten Text: “Warum wurden wir hochgesteigert, in Arbeit versetzt oder glücklich gemacht?” Weil, so antwortet er, “wir auch immer von anderen vertreten wurden.” (Quelle: Welt Online, Jonny Erling)



